Vorteilsannahme: Wer im Glashaus sitzt…

Viel wird in diesen Tagen über Finanzen geredet. Griechenland, Spanien oder Portugal werden zum Sparen bei gleichzeitigem Investitionsstop genötigt. Dabei fällt auch immer wieder der Vorwurf der Korruption, ob bei Politiker oder in der Bevölkerung. Dabei sollte sich gerade Deutschland mit Vorwürfen in diese Richtung zurückhalten. Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. https://holgerherz.files.wordpress.com/2012/03/wpid-griechenland_deutschland_korruption.jpg

Griechenland wird in diesen Tagen so einiges vorgeworfen. Über seinen Verhältnissen gelebt zu haben, keine Steuern zu zahlen oder faul zu sein. Auch hört man immer wieder, in Griechenland habe sich ein durch und durch korruptes System, sowohl auf wirtschaftlicher, als auch auf politischer Ebene, manifestiert. Letzteres ist sicher nicht unbegründet. Zumindest rankiert Griechenland auf Platz 80 beim „Corruption Perception Index 2011“ (CPI) 1, der regelmäßig von Transparency International erhoben wird. Damit erreicht das Land einen ebenso schlechten Platz wie China, Kolumbien oder Thailand.

Vorwürfe und der damit verbundene Wille Kritik zu üben und Verbesserungen anzustoßen, sind natürlich immer berechtigt, solange diese Kritik auch begründet ist. Aber es gibt noch einen zweiten Punkt, der beim Vorbringen von Kritik beachtet werden muss. Vorwürfe werden nämlich sehr schnell unglaubwürdig, wenn nicht sogar lächerlich, wenn der Anprangernde seinen eigenen Ansprüchen selbst nicht gerecht werden kann.

Das deutsche Bild im Ausland

Und so geschieht es im Moment von deutscher Seite. Man stelle sich kurz vor und analysiere, wie die aus Deutschland kommende Kritik im Ausland, speziell in Griechenland, aussehen mag. Was dringt aus unserem Land nach außen? Wenn man in griechische Zeitungen schaut, muss man zu diesem Thema zwangläufig drei wichtige Aspekte zu Gesicht bekommen. Aber auch wenn die griechische Presse einige Belange zu überspitzt darstellen solle, auch deutsche Zeitungen vermitteln ein entsprechendes Bild:

  1. Die öffentliche Berichterstattung der letzten drei bis vier Monate war durchzogen von Korruptionsvorwürfen gegen das ehemalige deutsche Staatsoberhaupt, Christian Wulff. Unser oberster Mann im Staate war und ist direkten Bestechungsvorwürfen ausgesetzt, die durch aufgenommene staatsanwaltliche Ermittlungen bestätigt wurden.

    Dazu kommen Gegebenheiten wie ehemalige Bundeskanzler die dem Vorwurf der zu engen Verstrickung von Politik und Wirtschaft ausgesetzt sind. Oder ehemalige Verteidigungsminister, die ihren Doktortitel aufgrund systematisch angelegter Plagiate, bei gleichzeitigen Spenden für die zugehörige Universität, verloren haben. Alles keine gute Werbung.

  2. Unsere Privatwirtschaft hat direkt von Bestechung griechischer Politiker profitiert 2. Siemens, Daimler, MAN oder Ferrostaal schmierten jahrelang griechische Beamte um den Zuschlag für zahlreiche lukrative Projekte zu bekommen. Jetzt wurde sich mit einem Vergleich geeinigt. Ein falsches System zum eigenen Vorteil zu nutzen, um dieses anschließend zu verurteilen, ist offensichtlich grotesk.
  3. Seit 2003 gibt es eine UN-Konvention gegen Korruption 3. Sowohl Griechenland, Italien, Spanien, als auch weitere 150 Staaten haben diese bereits ratifiziert. Deutschland nicht, da unsere gesetzlichen Regelungen im Bezug auf Abgeordnetenbestechung nicht ausreichend sind. Ich wiederhole: Griechenland hat die Konvention ratifiert, nicht. Selbsterklärend.

In Anbetracht dieser Punkte sollte es einleuchtend erscheinen, sich mit Kritik an einem korrupten griechischem System zurückzuhalten. Kritik ist sicherlich angebracht, aber man sollte immer zuerst vor seiner eigenen Haustüre kehren. Gerade jetzt, wo wir Griechenland ein korruptes System vorwerfen, brauchen wir eine entsprechende Debatte im eigenen Land. Als Faustregel sollte also gelten: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.

Hintergründe

Diesen Artikel könnte man als den Abschluss einer Serie zum Thema Vorteilsannahme sehen. Folgende Artikel beschäftigen sich mit den Hintergründen der gerade genannten Aspekte:

  • Vorteilsannahme: Macht doch jeder: Dieser Artikel beschäftigt sich mit den Hintergründen, was Korruption eigentlich ist, wo sie sich manifestiert und wo die Gefahren liegen. Es ist ein Appell die öffentliche Debatte aufrecht zu halten.
  • Vorteilsannahme: Der Kampf um eine verlorene Sache?: Hier wird beschrieben, was gegen Korruption grundsätzlich unternommen werden kann. Politik, Wirtschaft, Justiz, Journalismus und die Gesellschaft sind die entscheidenden Gruppen, die einen Beitrag zur Korruptionsbekämpfung leisten können. Hier wird beschrieben wie das im Einzelnen aussehen kann, oder muss.
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2 Kommentare

Eingeordnet unter Außenpolitik, Finanzpolitik, Medien

2 Antworten zu “Vorteilsannahme: Wer im Glashaus sitzt…

  1. „Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn! Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen.“

    Friedrich Schiller (1759 – 1805)

    „Aus dem offenkundigen Versagen des historischen Liberalismus erwuchs die sozialistische Bewegung mit dem Ziel, die missbrauchten Freiheitsrechte einzuschränken zugunsten der Gesamtheit und besonders zugunsten der wirtschaftlich Schwachen. Diese Zielsetzung beruht jedoch auf einem Denkfehler; denn der historische Liberalismus versagte nicht, weil er zuviel, sondern weil er zuwenig Freiheit verwirklichte. Eine „freie Wirtschaft“ hat es im Liberalkapitalismus in Wahrheit nie gegeben, sondern nur eine vermachtete Wirtschaft: vermachtet durch Privatmonopole, durch den privaten Monopolbesitz von Grund und Boden und den Rohstoffen, durch das Geld- und Bodenmonopol, durch die Bildung von Syndikaten, Kartellen und Trusts. An die Stelle einer freien Konkurrenzwirtschaft trat die Herrschaft privater Wirtschaftsmächte, die durch ihre Maßnahmen weitgehend auch die Höhe von Preisen, Löhnen und Zinsen und damit das Wirtschaftsgeschehen insgesamt nach ihren Interessen bestimmen konnten.
    Die sozialistischen Bestrebungen laufen darauf hinaus, die liberalkapitalistische durch eine zentralgeleitete Wirtschaft, also die private durch eine staatliche Vermachtung und die Privatmonopole durch Staatsmonopole zu ersetzen. Das bedeutet nichts anderes, als dass die vielen erbarmungslosen Wirtschaftsdiktatoren, die sich immerhin noch durch einen letzten Rest von Konkurrenz gegenseitig in ihrer Macht beschränken, durch einen einzigen, ebenso erbarmungslosen, aber völlig unbeschränkten Wirtschaftsdiktator in Gestalt des Staates abgelöst werden. Dadurch kann sich die Lage der arbeitenden Menschen nur noch hoffnungslos verschlimmern, wie mannigfache geschichtliche Erfahrungen hinlänglich bestätigen.“

    Dr. Ernst Winkler („Theorie der Natürlichen Wirtschaftsordnung“, 1952)

    Damit auch die Mehrheit endlich begreift, was einzelne Denker immer schon vorher wussten, bedarf es der „Auferstehung aus dem geistigen Tod der Religion“:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2011/07/die-ruckkehr-ins-paradies.html

  2. Pingback: Wochenrückblick KW 13 (26.3. bis 31.3.) | Holger Herz

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