Lanz, Rüttgers und der demographische Wandel

Der demographische Wandel und der damit verbundene, angeblich nicht mehr funktionierenden Generationenvertrag, wurde bereits an zahlreichen Stellen thematisiert. Allen voran versuchen hier die Nachdenkseiten wiederholt Aufklärung zu betreiben. Daher erhebt dieser Beitrag auch nicht den Anspruch in diesem Bereich neue Erkenntnisse zu gewinnen. Er soll vielmehr erneut die Tatsachen wiederholen, die das Scheitern des Generationenvertrags aufgrund des demographischen Wandels als eine Mär entlarven. Vor diesem Hintergrund wird schließlich die Talkshow Markus Lanz kritisch durchleuchtet.

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Drei Gründe warum der demographische Wandel kein Problem ist

Nur allzu oft kann man in der einschlägigen Presse oder von der Politik von der Vergreisung Deutschlands, von der gefährlichen Alterspyramide und den zurückgehenden Kinderzahlen, erfahren. Das alles natürlich immer vor dem Hintergrund des dadurch zusammenbrechenden Sozialsystems. Es wird versucht, dessen Nichtfunktionieren, allen voran in Bezug auf das Rentensystem, allein dieser Entwicklung in die Schuhe zu schieben. Von einem Scheitern des Generationenvertrages ist dabei nicht selten zu lesen. Die einfache Forderung: „Erhöhung, oder sogar Abschaffung, des Renteneintrittalters“.

Im Prinzip gibt es drei einfache, mir als wichtigste erscheinende Gründe, wieso der demographische Wandel jedoch kein finanzielles Problem für unsere Gesellschaft darstellt.

Das Grundprinzip des Generationenvertrages gilt

Der Begriff des Generationenvertrages kann unterschiedlich interpretiert werden. Zum einen kann man ihn ausschließlich so verstehen, dass die arbeitende Bevölkerung durch ihre Abgaben zur Renten- und Pflegeversicherung, die aktuell in Anspruch genommenen Renten finanzieren. Es gibt aber auch einen anderen Ansatz: Das Arbeitseinkommen kann als Lebenseinkommen verstanden werden. Ein Erwerbstätiger finanziert selbst seine Kindheit, Jugend und Bildung, seine Zeit als Erwerbstätiger und seine eigene Altersvorsorge.

Von den Leuten, die behaupten, dass der Generationenvertrag aufgrund der Alterspyramide als gescheitert gilt, wird jedoch eine gemeinsame Basis vorausgesetzt, die beide Ansätze verbindet bzw. für beide gleichermaßen gilt: Genau ein Mensch zahlt die Rente für genau einen anderen.

Das vorausgesetzt würde heißen, dass ein Mensch im Laufe des Lebens seine eigene Rente selbst erwirtschaftet, er also gar zwangsläufig keine nachfolgende Generation braucht, dies für ihn zu tun. Aus diesem Prinzip folgt nur, dass er während seiner Erwerbslosigkeit (Kindheit, Jugend) eine Art Vorauszahlung benötigt, bis er selbst erwerbstätig wird und seine Schuld zurückzahlen kann. Seine Bildung und die damit verbundene Vorbereitung auf das Berufsleben muss sichergestellt sein.

Um den aktuellen Bezug herzustellen, erscheint ein aktueller Vorschlag einer jungen Gruppe um den sächsischen CDU-Politiker Marco Wanderwitz als geradezu absurd, eine Zusatzsteuer für Kinderlose einführen zu wollen. Kinderlose erwirtschaften ihre eigene Altersvorsorge, brauchen also auch keine Kinder, die dies für sie erledigen. Das Recht auf individuelle Selbstbestimmt sei dabei nur am Rande aufgeführt.

Der Generationenvertrag darf also rein gar nicht als gescheitert angesehen werden.

Der Vorwurf ist auch gleichzeitig die Entlastung

Als wichtiges Argument für das Scheitern des Generationenvertrages wird auch immer die Alterspyramide angeführt. Eine steigende Zahl von Rentnern bei gleichzeitigem Sinken des Nachwuchst, sei nicht zu finanzieren. Die erwerbstätige Bevölkerungsgruppe würde zu sehr belastet. Diese habe dabei verständlicherweise auch Angst, ihre eigene Altersvorsorge würde nicht gedeckt sein.

Dabei wird nur allzu oft ausgeblendet, dass weniger Kinder natürlich auch bedeuten, dass die Gesellschaft insgesamt entlastet wird. Bildung, Essen, Unterkunft, Freizeit, all das muss für nicht vorhandene Kinder und Jugendliche nicht aufgewendet werden. Die oben erwähnte Vorauszahlung einer vorhergehenden Generation an die Jugend entfällt.

Wenn man also eigennützig und engstirnig denken würde, was an dieser Stelle ausdrücklich nur als Gedankenspiel anzusehen ist, dann könnte einem nur recht sein, dass es immer weniger Kinder in Deutschland gibt: Umso weniger neue Mäuler zu stopfen sind, umso mehr ist für mich übrig.

Wie man es auch dreht und wendet, weniger Kinder bedeuten nicht gleichzeitig weniger Geld für die Altersvorsorge.

Fazit: Sind weniger Kinder und Jugendliche zu versorgen, ist mehr Geld für Ältere da.

Enorme Steigerung der Arbeitsproduktivität

Der oben erwähnte Ansatz, genau ein Mensch zahlt die Rente für genau einen anderen, ist nicht mehr zeitgemäß. Denn damit diese einfache Formel funktionieren kann, setzt sie voraus: Ein Mensch erwirtschaftet genau das, was er während seiner erwerbstätige Zeit für sich selbst, für das Aufwachsen bzw. die Bildung eines jüngeren und für die Altersvorsorge genau eines weiteren Menschen, benötigt.

In der Realität erwirtschaftet ein einzelner aber viel mehr. Die Arbeitsproduktivität in Deutschland, ja in ganz Europa, ist die letzten Jahrzehnte massiv angestiegen. Diese 1-zu-1-Rechnung geht also ohne weitere Schwierigkeiten, mit viel Luft nach oben, auf.

Wenn man sich nochmals kurz auf die zweifelhafte Theorie zurückbesinnt, dass die junge Generation ausschließlich für die Alte aufkommt, dann muss das auch zu einem Umdenken führen: Ein einzelner Erwerbstätiger sorgt nicht mehr zwangsläufig für nur einen einzelnen Rentner. Er erwirtschaftet für mindestens zwei, wenn nicht mehr. Und das wohlgemerkt bei gleichem Wohlstand und Arbeitseinsatz für alle Beteiligten. Das Ende dieses Trends ist auch in Zukunft, trotz Finanzkrise, nicht abzusehen.

Schlussfolgerung

Es gibt also überhaupt keinen Grund, den Anstieg der Zahl der älteren Menschen in Deutschland und das Fehlen von Kindern in unserer Gesellschaft aus finanzieller Sicht für bedenklich zu halten. Alles andere ist eine Erfindung der Wirtschaft, der Medien und einigen Politikern, die leider nur zu oft das Sprachrohr der zuerst genannten, bilden.

Ob das Fehlen von Kindern, jungen Köpfen und den damit verbundenen fehlenden neuen Ideen jedoch aus gesellschaftlicher Sicht erstrebenswert ist bzw. neue Probleme aufwirft, ist eine andere wichtige Frage, die an dieser Stelle jedoch nicht weiter diskutiert wird.

Aus gegebenem Anlass: Rüttgers bei Lanz

Wieso ist aber dieses Thema gerade jetzt wieder wichtig? Die Lobby der Angstmacher und Verunsicherer ist groß und überall präsent. Daher kann es nicht schaden, die Gegenbewegung so hoch und laut zu halten wie nur möglich.

Ein aktuelles Beispiel: Gestern war Dr. Jürgen Rüttgers zu Gast bei Markus Lanz in der gleichnamigen Talkshow im ZDF. Sein Auftritt stand unter folgender Ankündigung:

[..] Bei „Markus Lanz“ erklärt Rüttgers, warum alle Menschen wieder
länger arbeiten müssen [..]

Quelle: zdf.de

Und so wie das sich liest, so war es dann auch: Jürgen Rüttgers wurde eine einmalige Plattform geboten um altbekannte Ängste zu schüren; wir werden immer älter, wir vergreisen, die Jungen werden von ihrem Geld nichts mehr sehen, usw.. Dabei ist es bezeichnend, dass Markus Lanz keinen wirklichen Experten geladen hatte, der auch Gegenargumente hätte bringen können. Richtig, genau so etwas kann man als einseitige Berichterstattung, um nicht zu sagen Meinungsmache, bezeichnen.

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Am Rande erwähnt, unter diesen Vorzeichen wundert es dann auch nicht, dass sich bereits Philipp Rösler, in der Sendung vom 23. Februar, von seiner menschlichen Seite zeigen durfte.

Gezielt gefragt, leitete Jürgen Rüttgers das Thema mit den folgenden Worten ein:

Wir werden uns dazu durchringen müssen, dass wir sowas wie eine
Mindestrente einführen. Wenn jemand ein Leben lang gearbeitet hat,
darf man den im Altern nicht in Harz IV reinschicken. Sondern der muss
dann ’ne Rente haben, das ist dann immer noch nicht sehr viel, aber
so, dass er davon auch leben kann.

Bei diesen Sätzen ist erstmal die Kinnlade heruntergeklappt. Damit sagt er soviel, dass man von dem Harz-IV-Satz nicht leben kann. Nicht, dass das eine unbekannte Tatsache wäre, nur verwundert es schon, das so deutlich aus dem Mund eines CDU-Politikers zu hören. Und gleichzeitig lässt es die Zahl von mehr als 7 Millionen Arbeitslosengeld-II-Empfängern in Deutschland noch viel trauriger erscheinen.

Als Floskel der Politik, zu der er zweifelsohne selbst gehört, bezeichnet Herr Rüttgers später den Satz „ja, wir werden länger arbeiten müssen“, als wäre das ein Naturgesetz ohne Wenn und Aber. Dabei lässt er keine Chance aus, Ängste zu schüren und die Jungen gegen die Alten aufzuhetzen. Er fordert, dass nicht nur die Älteren in Zukunft länger arbeiten müssen, nein, auch die Jungen müssten die Ausbildung schneller beenden und somit früher ins Berufsleben eintreten. Was für absurde Forderung in Zeiten europaweiter Arbeitslosigkeit und der oben genannten Argumente.

Den Höhepunkt bildet dann aber die Ansicht, dass Mütter die schneller in den Beruf zurückkehren, die Rente erhöhen würden. Dass Kinder, dessen Mütter berufstätig sind während deren Abwesenheit auch versorgt werden müssen, wird dabei einfach ignoriert. Auch die quotenfängerische Erwähnung, dass das natürlich schwierig sei, da es noch immer zu wenige Krippenplätze gäbe, veranlasst dann auch nur Lady Bitch Ray zustimmend mit dem Kopf zu nicken.

Natürlich hat Jürgen Rüttgers einen Grund sich in dieser Sendung zu präsentieren: Ihn störe es, dass seit 30 Jahren über dieses Thema geredet wird, alle Fakten bekannt seien, aber „keiner fasst es an“. Im Bezug auf die Aussage, dass alle Fakten bekannt seien, erscheint es gerade zu lächerlich als er erwähnt, seit einem Jahr immer wieder an diesem Thema gearbeitet zu haben. Sehr intensiv kann das nicht gewesen sein, denn offensichtlich fehlen ihm da einige eindeutige Erkenntnisse und Schlussfolgerungen. Die Hoffnung stirbt zuletzt, so kann er uns über diese vielleicht demnächst auf der Couch bei Wetten, dass..? informieren, aber ich bezweifle es ernsthaft.

Ansehen kann man sich die Sendung in der ZDF Mediathek.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Gesellschaft, TV-Kritik

2 Antworten zu “Lanz, Rüttgers und der demographische Wandel

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