Mehr Solidarität!

Etwas weiter ausgeholt, ein Appell

Bevor ich in diesem Artikel auf aktuelle Geschehnisse, in diesem Fall bedeutet das die Situation um Griechenland, eingehe, muss ich etwas weiter ausholen…

Geht es Ihnen auch so? Jetzt fährt die Bahn schon wieder nicht! Oder die S-Bahn, oder der Bus, der Sie eigentlich auf dem schnellsten Weg in die Arbeit bringen sollte. Ach ja, im Radio wurde ja gesagt, dass die GDL oder der öffentliche Nahverkehr mal wieder streikt. Als aktueller Bezug wäre hier der Streik der Beschäftigten von Fraport auf dem Frankfurter Flughafen erwähnt, aber es eignet sich jedes derartige Ereignis als Beispiel. Natürlich kann das für alle indirekt Betroffenen unbequem, nervtötend, zeitraubend und umständlich sein. Aber ist es ein Grund auf die Streikenden zu schimpfen? Ich finde nicht.

Jedoch geschieht dies tagtäglich, zumindest in meinem Umfeld. Dort höre ich Kommentare wie „jetzt streiken die schon wieder“, oder „die können doch nicht immer alles lahmlegen, was bilden die sich ein“. Am Bahnsteig kann es auch schon mal drastischer werden: „Schon wieder fällt ein Zug aus, die scheiß Lokführer streiken schon wieder. Bekommen die den Rachen denn nie voll?“. Oder auch moderate Kommentare wie „was soll man machen, wird ja schon wieder gestreikt“ schaffen es, mit dem entsprechenden Unterton eine gewisse Meinung durchblicken zu lassen.

Ja, manchmal, vielleicht sogar auch überwiegend, sind solche Bemerkungen nur beiläufig dahingesagt, salopp formuliert und werden unüberlegt getroffen. Dennoch störe ich mich an ihnen. Ich glaube nämlich, dass hier in den meisten Fällen die falschen beschimpft werden. Könnte an dieser Stelle nicht auch Neid eine gewisse Rolle spielen? Man selbst kommt unpünktlich zu einer Besprechung, bekommt Ärger mit seinem Vorgesetzten oder verpasst einen Termin, wenn zur gleichen Zeit andere die Arbeit niederlegen und weiterhin aus der Streikkasse bezahlt werden.

Ich finde man sollte sich für seine Mitmenschen freuen und es schätzen, dass sie Mittel und Wege haben, einen ordentlichen Arbeitskampf zu führen und ihren Arbeitgebern entgegentreten können. Diese Möglichkeit haben weiß Gott nicht alle, auch man selbst oft nicht. Und ist es in aller Regel nicht der Arbeitgeber dieser Interessengruppen, der nicht gerade selten durch die öffentliche Hand vertreten wird, der entscheidend etwas an der Situation verändern könnte? Ist es nicht dieser Arbeitgeber, der eine Dienstleistung, eine Beförderung oder eine Ware anbietet, diese aber im Augenblick nicht zur Verfügung stellen kann? Wieso echauffiere ich mich dann nicht eher über diesen, anstelle meinen Genossen im weiteren Sinn Habgier und überzogene Forderungen vorzuwerfen? Ich würde doch auch nie auf den Gedanken kommen, mich mit einer Forderung gegenüber einer Firma direkt an dessen Zulieferer zu wenden. Zumindest wäre das nicht mein erster Gedanke.

Es darf nicht geschehen, dass Arbeitnehmer sich auch noch gegenseitig bekämpfen. Es gibt genug Themen, in die man seine Energie viel sinnvoller investieren könnte. Daher gilt an dieser Stelle mein eindeutiger Appell für mehr Solidarität gegenüber seinen Mitmenschen!

Zur Situation in Griechenland

Diese Solidarität ist mir ein hohes Gut. Das gilt auch in Hinsicht auf die aktuelle Situation mit Griechenland. Es gab auch in Deutschland eine Zeit, gute 20 Jahre her, als Menschen Solidarität nötig hatten; nach der Wiedervereinigung. Und diese wurde ihnen gewährt. Laut Schätzungen könnte die Rettung Griechenlands alles in allem einen ähnlich hohen Beitrag fordern. Wieso sollte man dem griechischen Volk nun diese Solidarität verweigern? Weil es Griechen sind und somit an einem anderen Ort auf der Welt geboren wurden?

Dabei will ich auch nicht anzweifeln, dass viele Deutsche überhaupt nichts dagegen hätten, dem einfachen griechischen Volk mit ihren Steuergeldern unter die Arme zu greifen. Es ist jedoch inzwischen kein Geheimnis mehr, dass die aktuell beschlossen Hilfen fast ausschließlich den privaten Gläubigern, also Banken, Versicherungen und Investmentfonds, zugute kommen. Das Volk muss dagegen mit massiven Einschnitten in Bereichen wie Mindestlohn, Medikamentenversorgung, Renten und Arbeitslosenunterstützung, zurecht kommen. Hier versteht es sich von selbst, dass es eine beschämende Tatsache ist, so etwas auf den Schultern der sozial schwachen auszutragen. Unter dem Begriff Europäische Solidarität sei daher an dieser Stelle auf die zugehörige Online-Petition hingewiesen.

Im Klartext bedeutet das: Solidarität, ja, aber an der richtigen Stelle. Auch hier wiederholt sich meine bisherige Einschätzung. Anstatt sich zu empören, dass das Geld an der falschen Stelle ankommt, fordern viele den Stopp der Zahlungen. Anstatt zu fordern, dass die deutsche Politik um Kanzlerin Merkel und Finanzminister Schäuble zusammen mit der EU endlich versuchen sollten, den Menschen in Griechenland zu helfen, wird die Verschwendung der eigenen Steuergelder angeprangert. Ein aufgeblähter Beamtenapparat, Korruption und Steuersünder werden hier nur allzu oft als Argument eingesetzt, um auf die Griechen schimpfen zu können.

Es gibt daher nur eine Frage: Will man dem einfachen Griechen helfen, will man also Solidarität beweisen, oder will man das nicht. Falls ja, gibt es nur eine Konsequenz, nämlich die aktuelle Politik zu kritisieren. Das mit dem Ziel, Mittel und Wege zu finden oder zu etablieren, um das Geld auch dem griechischen Volk zugutekommen zu lassen. Ein Zahlungsstopp füllt garantiert keine leeren Münder. Falls nein, man also keine Solidarität zeigen will, sei einem an dieser Stelle auch nicht mehr geholfen.

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Gesellschaft, Zeitlos

4 Antworten zu “Mehr Solidarität!

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